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Mittwoch / 04.03 / 19 Uhr / Vortrag

Insektensterben aus naturwissenschaftlicher Sicht

Analyse – Auswirkungen - Gegenmaßnahmen

Prof. Dr. Johannes Steidle, Universität Hohenheim

Ort: Donaueschingen, Landratsamt, Humboldtstraße 11 

Am  Mittwoch den 4.3. lädt der Baarverein zu einem aktuellen  Vortrag zum Thema Insektensterben ein. Dem Baarverein ist es gelungen den bekannten Insektenforscher Prof. Dr. Johannes Steidle von der Universität Hohenheim nach Donaueschingen einzuladen. Er wird das Thema Insektensterben aus globaler Sicht beleuchten, wird aber auch auf die Auswirkungen hier in der Region eingehen.

 

Distelfalter

Spätestens mit dem Bekanntwerden der „Krefelder Studie“ zum Insektenrückgang im Herbst 2017 ist auch der Öffentlichkeit klar geworden, dass das Artensterben nicht nur in fernen Ländern, sondern auch in Mitteleuropa stattfindet. Seit dem wird über die Ursachen und mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert. In dem Vortrag wird zunächst ein Überblick über die aktuelle Datenlage gegeben. Er belegt, dass der Insektenrückgang real ist und sich mit einer erschreckenden Geschwindigkeit vollzieht. Anschließend wird auf die Folgen des Insektenrückganges eingegangen und die Reihe möglicher Ursachen anhand der aktuell bekannten Daten diskutiert. Schließlich werden Gegenmaßnahmen vorgeschlagen, welche von Seiten der Politik, der Landwirtschaft, Kommunen und von Privatpersonen ergriffen werden sollten, um dieses gesamtgesellschaftliche Problem zu lösen.

Foto : Dr. Johannes Steidle 


 

Bericht vom Vortrag des Baarvereins am 4.3.2020
im Landratsamt Donaueschingen


Prof. Dr. Johannes Steidle, Universität Hohenheim
Insektensterben aus naturwissenschaftlicher Sicht


Welchen Nutzen haben Fliegen, Käfer, Schmetterlinge und andere Insekten? Dass Bienen zum Bestäuben von verschiedenen Obstsorten benötigt werden ist allseits bekannt. Dass die Insekten aber auch für die Reinhaltung der Gewässer notwendig sind, wussten sicher nur wenige der Besucher des Vortrages von Prof. Dr. Johannes Steidle. 

Der Verein für Geschichte und Naturgeschichte (Baarverein)  hat den Spezialisten von der Universität Hohenheim eingeladen und über 120 Personen wollten am vergangenen Mittwoch im Saal des Landratsamt in Donaueschingen genaueres über die Ursachen und Auswirkungen des Insektensterbens wissen.
In der Einführung berichtete Dr. Steidle über langjährige Messungen an verschiedenen Orten in Deutschland, die zweifelsfrei ein Rückgang der Zahl der Insekten insgesamt, aber auch ein bedrohliches Schrumpfen des Artenreichtums, dokumentierten. In der Krefelder Insektenstudie wurde so innerhalb der letzten 20 Jahren ein Abnehmen der Biomasse von Insekten um 70 bis 80% festgestellt. Ähnliche Werte konnten auch in Baden-Württemberg ermittelt werden.
Das Insektensterben ist wissenschaftlich belegt und zeigt bereits heute erhebliche Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Bei den Vögel gab es im Jahr 1980 am Bodensee ca. 450.000 Brutpaare. Heute brüten im gleichen Gebiet nur noch 350.000 Brutpaare. Dies resultiert auch von dem rückgängigen Nahrungsangebot durch weniger Insekten. Für die Landwirtschaft ist der Rückgang der Insekten dramatisch. Ein Großteil der Pflanzen ist auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Dabei können die Honigbienen allerdings nur ein Teil der Arbeit verrichten. Viele Nutzpflanzen wie Bohnen, Karotten oder Raps werden fast ausschließlich von Wildinsekten bestäubt. Neben dem wirtschaftlichen Nutzen von Insekten hat Herr Dr. Steidle aber auch darauf hingewiesen, dass Insekten wie z.B. Schmetterlinge sehr schön sind und ein Aussterben auch ein Verlust aus  ästhetischer Sicht wäre.

Bei den Ursachen des Insektensterbens ging Dr. Steidle nach dem Ausschlussverfahren vor. Die Klimaveränderung wirkt sich bisher nicht auf die Insektenpopulationaus. Dies kann sich bei öfters auftretenden Dürreperioden allerdings ändern. Der Einfluss von Windrädern auf das Insektensterben ist momentan ebenfalls zu vernachlässigen. Dies trifft auch für den Einfluss der Mobilfunkstrahlung zu. Hingegen ist anzunehmen, dass die zunehmende „Lichtverschmutzung“ durchaus einen Einfluss auf nachtschwärmende Insekten hat. Nach Meinung von Dr. Steidle hat die Zersiedelung der Landschaft wiederum wenig Einfluss auf den Rückgang der Insekten. In den letzten 26 Jahren wurden nur 2,8 % der Landschaft verbraucht. Diese geringe Eindämmung des Lebensraums passt nicht zu der dramatischen Reduzierung der Insekten. Schlussendlich sind immer noch über 50% der Fläche in Deutschland landwirtschaftlich genutzt.

Doch in dieser landwirtschaftlichen Nutzung gab es in der Vergangenheit verschiedene Änderungen die nicht zum Nutzen der Insekten waren. Diese Änderungen nannte Dr. Steidle das tödliche Quartett, bestehend aus Mahd, Düngung, Pestizide und Strukturverlust. Damit das Grünfutter einen hohen Proteingehalt hat, wird das Gras so früh und so oft als möglich gemäht. Dies führt dazu, dass bestimmte Gräser nicht blühen können und somit mit der Zeit verschwinden, aber auch die Mahd selber tötet überraschend viele Insekten. Durch das intensive Düngen werden die Gräser teilweise unbekömmlich  für bestimmte Insekten. Pestizide und hier vor allem der sehr hohe Einsatz von Glyphosat tötet die Nahrungspflanzen und schädigt somit die Insekten. Weiterhin ist die Vergrößerung der Felder Mitursache für das Insektensterben. Sobald die durchschnittliche Größe der Felder 5 Hektar übersteigt, sinkt die Insektenzahl deutlich. Dies konnte eindeutig durch den Vergleich von großflächigen Agrarflächen in Ostdeutschland mit den kleinflächigen Felder im Westen Deutschlands festgestellt werden. Kleinräumige Agrarlandschaften haben mehr unbearbeitete Feldränder in denen sich Insekten aufhalten können. Die unterschiedliche Fruchtfolge erhöht das Nahrungsangebot und es entstehen Verbindungswege zwischen den verschiedenen Lebensräume der Insekten.   

 

Prof. Dr. Johannes Steidle, Universität Hohenheim

Beim Abschluss des Vortrages zeigte Dr. Steidle verschiedene Lösungsansätze auf. Er betonte dabei ausdrücklich, dass hier die Politik, die Gesellschaft und die Landwirtschaft gemeinsam aufgerufen sind, zu agieren. Die Politik muss die Randbedingungen setzen, die Gesellschaft muss bereit sein, für den Artenreichtum höhere Preise für die Lebensmittel zu akzeptieren und die Landwirtschaft muss insektenfreundlicher wirtschaften. Pestizide und Insektizide können oft reduziert werden, ohne dass der Gesamtertrag sinkt. Nicht jeder Quadratmeter muss beackert werden. Der eine oder andere brachliegende Blühstreifen kostet nicht viel, nutzt der Natur aber sehr.
Dr. Steidle forderte aber auch, dass jeder in seinem Verantwortungsbereich den Insekten helfen soll. Auch in den Gärten und Städten kann man durch Aussaat von speziellen Insektenpflanzen helfen, aber in den meisten Fällen reicht es einfach die Natur walten zu lassen. Nicht jeder Rasen und jede Hecke muss ständig geschnitten werden. Etwas Unordnung hilft den Insekten mehr als ein englischer Rasen, oder ein toter Schottergarten.

Harald Ketterer
08.03.2020

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